Zusatzbeitrag: Keine Krankenkasse kann sich entziehen

Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Wasem
Prof. Dr. Jürgen Wasem
Der Gesundheitsökonom ist Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen und als Politikberater an der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens beteiligt.

Die Verunsicherung bei gesetzlich Krankenversicherten wächst: Während die ersten Kassen Zusatzbeiträge erheben, versprechen andere vollmundig, sie seien so solide, dass sie den ungeliebten Aufschlag auch langfristig nicht erheben werden. Wir haben nachgefragt und uns die Meinung von Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Wasem eingeholt.

Herr Prof. Dr. Wasem, welche Finanzierungsregelungen gelten derzeit für die Krankenkassen?

Prof. Dr. Jürgen Wasem: Seit 2007 entrichten die Beitragszahler ihre einkommensabhängigen Beiträge an den Gesundheitsfonds. Der Fonds verteilt die Finanzmittel dann an die Krankenkassen, je nach Größe der Kasse und der Struktur ihrer Versicherten. Mit der jüngsten Reform ist der Beitragssatz für die Beiträge von Versicherten und Arbeitgebern an den Fonds eingefroren worden. Folglich werden auch die Zuweisungen, die die Krankenkassen aus dem Fonds erhalten, künftig weniger stark wachsen als die Ausgaben der Kassen für die Leistungen an ihre Versicherten. Es entsteht eine Lücke zwischen den Mitteln, die die Kassen aus dem Fonds bekommen, und ihren Ausgaben. Diese Lücke sollen die Kassen ausschließlich über die Erhebung von Zusatzbeiträgen der Versicherten finanzieren.

Bedeutet das, dass bald jede Kasse einen Zusatzbeitrag erheben muss?

Eine Reihe von Krankenkassen hat ja bereits jetzt einen Zusatzbeitrag eingeführt. Wie rasch die anderen Kassen folgen werden, hängt jeweils von ihrer konkreten Finanzsituation ab. Einige Krankenkassen kommen besser mit den Mitteln aus dem Gesundheitsfonds zurecht als andere. Auch haben die Krankenkassen unterschiedlich hohe Rücklagen. Klar ist aber: Auf Dauer kann sich unter den geltenden Finanzierungsregelungen keine Krankenkasse dem Zwang zum Zusatzbeitrag entziehen.

Halten Sie es für seriös, wenn heute einzelne Kassen garantieren, keinen Zusatzbeitrag zu erheben?

Einzelne Krankenkassen mögen so gut mit Rücklagen ausgestattet sein, dass sie für 2011 und 2012 ein solches Versprechen abgeben können - für die meisten Kassen gilt dies nicht. Und für die Folgejahre ohnehin nicht. Hinzu kommt, dass diese Garantieerklärungen juristisch gesehen völlig bedeutungslos sind. Kein Kunde wird sich darauf berufen können, wenn die Kasse trotz Garantieerklärung doch einen Zusatzbeitrag erheben sollte.

Wie hoch werden die Zusatzbeiträge künftig ausfallen?

Nach meinen Prognosen wird der durchschnittliche Zusatzbeitrag, den ein Mitglied zahlen muss, schon 2015 etwa bei 24 Euro im Monat und 2020 bei rund 65 Euro im Monat liegen. Aber niemand soll durch die Erhebung von Zusatzbeiträgen finanziell überfordert werden. Daher hat die Politik einen sogenannten "Sozialausgleich" eingeführt: Liegt der durchschnittliche Zusatzbeitrag über alle Krankenkassen oberhalb von 2 Prozent des Gehaltes oder der Rente eines Versicherten, bekommt er aus Steuermitteln automatisch einen Zuschuss.

Ist der Zusatzbeitrag Ihrer Meinung nach ein wesentliches Kriterium, nach dem der Versicherte die Kasse auswählen sollte?

Ein wesentliches Kriterium sicherlich, aber längst nicht das einzige. Es kommt auch auf die Leistungsseite der Kasse an, den Service den sie bietet und die Zugriffsmöglichkeit auf attraktive Zusatzversicherungen. Ein gutes Auswahlkriterium sind auch die Extraleistungen, die die Kassen anbieten. Zwar sind 95 Prozent der Leistungen bei allen gesetzlichen Krankenkassen gleich, aber es gibt durchaus auch interessante Unterschiede.

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